Die Frage des Monats

Wo steckt „Die kleine Dame“?

Ein Highlight der neuen Ausstellung ist das Gemälde „Die kleine Dame“, eine Studie zu einem seit 1938 verschollenen Porträt von Thea Irene Nathan. Die Bankierseheleute Rosy und Max Nathan hatten 1907 den bekannten Münchner Porträtmaler Hermann Kaulbach beauftragt, ihr langersehntes einziges Kind in eigens dafür in Paris gekaufter Kleidung zu malen. Kaulbach war von der „kleinen Dame“ Thea Irene so beeindruckt, dass er ihr zum Andenken ein von ihm herausgegebenes Kinderbuch mit einer persönlichen Widmung auf dem Vorsatzblatt schenkte.

Das Porträt befand sich im Auswanderungsgepäck von Thea Irenes Schwiegereltern Emmy und Josef Midas als diese 1939 über England in die USA emigrierten. Die Umzugscontainer kamen allerdings nie an. Nach dem 2. Weltkrieg erzählte ein ehemaliges Dienstmädchen der Familie, das Gepäck sei bei einem Bombenangriff in Bremerhaven zerstört worden. Tatsächlich jedoch beschlagnahmte die Gestapo sie im Hamburger Hafen. Bei einer Versteigerung im April 1941 erwarb das Auktionshaus Carl F. Schlueter die Container. Im Versteigerungsprotokoll ist das Porträt allerdings nicht namentlich aufgeführt.

Was mit den Besitztümern der Familie Midas inklusive des Porträts „Die kleine Dame“ im Weiteren geschah, konnte bis heute nicht geklärt werden. Nahezu 40 Jahre nach seinem Verschwinden, im September 1976, tauchte das Porträt in der 170. Auktion des Auktionshauses Neumeister (vormals Münchener Kunstversteigerungshaus A. Weinmüller) für ein Mindestgebot von 3.000 DM auf. Die Beschreibung im Auktionskatalog lautet: „Die kleine Dame. Blondgelocktes Mädchen mit Spitzenhaube, im Haar ein Blumensträußchen, in Musselinkleid auf einem Stuhl sitzend. Brustbild nach links, Kopf en face. Links oben signiert. Öl auf Leinwand. 51,5 x 41,5 cm.“ Anschließend hat sich die Spur bis heute leider wieder verloren.

Die Einstellung des Gemäldes in die Lost Art Internet Database durch das Jüdische Museum Franken für die rechtmäßigen Eigentümer brachte keine neuen Erkenntnisse. Auch das Münchner Auktionshaus Neumeister gab im Zuge einer Recherche des Jüdischen Museums Franken vor einigen Jahren keine Auskünfte über den/die Besitzer, die es zur Auktion einlieferten,
noch zu den Käufern des Jahres 1976.